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Antidepressiva sind nicht metabolisch neutral

  • Autorenbild: Leon Wirz
    Leon Wirz
  • 22. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

The Lancet, November 2025, King’s College London, University of Oxford, Universität Bern & internationale Partner

Einführung

Antidepressiva gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten in Europa und in der Schweiz. Sie werden nicht nur bei Depression eingesetzt, sondern auch bei Angststörungen, chronischen Schmerzen, Schlafstörungen sowie weiteren psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen. Für viele Patientinnen und Patienten sind sie lebensrettende Therapien.

Dennoch werden Antidepressiva häufig so diskutiert, als würden sie primär auf Stimmung und Emotionen wirken. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Müdigkeit oder sexuelle Funktionsstörungen werden regelmässig thematisiert, während breitere physiologische Effekte deutlich weniger Beachtung finden. Dies ist umso bemerkenswerter, als viele Menschen, die Antidepressiva erhalten, bereits ein erhöhtes kardiovaskuläres oder metabolisches Risiko aufweisen.

Eine neue, groß angelegte Analyse, veröffentlicht in The Lancet, stellt nun die Annahme infrage, dass Antidepressiva physiologisch weitgehend austauschbar seien. Die Studie vergleicht systematisch, wie unterschiedliche Antidepressiva Körpergewicht, Blutdruck, Herzfrequenz, Glukose, Cholesterin und Leberparameter beeinflussen, und liefert damit die bislang umfassendste Übersicht über ihre nicht-psychiatrischen Effekte.

Die zentrale Erkenntnis

Die zentrale Botschaft der Studie ist eindeutig: Antidepressiva unterscheiden sich deutlich in ihren kardiometabolischen und physiologischen Effekten.

Bereits innerhalb von nur acht Wochen Behandlung beobachteten die Autorinnen und Autoren klinisch relevante Unterschiede zwischen häufig verschriebenen Wirkstoffen. Diese Unterschiede waren keineswegs marginal. Je nach Antidepressivum zeigten sich teils stark unterschiedliche Veränderungen von Körpergewicht, Herzfrequenz und Blutdruck. In einigen Fällen erreichten diese Unterschiede Grössenordnungen, die nachweislich das langfristige kardiovaskuläre Risiko beeinflussen.

Entscheidend ist zudem, dass kein Zusammenhang zwischen der Verbesserung depressiver Symptome und dem Ausmass metabolischer oder kardiovaskulärer Veränderungen gefunden wurde. Mit anderen Worten: Medikamente, die in ihrer antidepressiven Wirksamkeit vergleichbar waren, unterschieden sich deutlich darin, wie stark sie den Körper physiologisch beeinflussten.

Studiendesign und Methodik

Die Forschenden führten eine systematische Übersichtsarbeit mit anschliessender Netzwerk-Meta-Analyse durch, ein Verfahren, das den Vergleich vieler Therapien ermöglicht, selbst wenn diese nicht direkt miteinander verglichen wurden.

Durchsucht wurden grosse medizinische Datenbanken und regulatorische Quellen von deren Beginn bis April 2025. Eingeschlossen wurden randomisierte, verblindete Studien, die eine Antidepressiva-Monotherapie entweder mit Placebo oder mit anderen Antidepressiva verglichen.

Insgesamt umfasste die Analyse:

  • 151 randomisierte kontrollierte Studien sowie 17 FDA-Studienberichte

  • über 58’000 erwachsene Teilnehmende

  • 30 verschiedene Antidepressiva

  • eine mediane Behandlungsdauer von acht Wochen

Untersucht wurden physiologische Endpunkte wie Körpergewicht, Blutdruck, Herzfrequenz, Glukose, Gesamtcholesterin, Leberenzyme, Elektrolyte, Nierenparameter sowie das kardiale QT-Intervall. Zusätzlich analysierten die Autorinnen und Autoren, ob Alter, Geschlecht oder das Ausgangsgewicht diese Effekte beeinflussten.

Da die Analyse auf randomisierten Studien basiert, liefert sie robuste Evidenz für kausale kurzfristige Effekte und nicht lediglich Assoziationen, die durch Krankheitslast oder Confounding erklärbar wären.

Zentrale Ergebnisse

Erstens unterschieden sich Gewichtsveränderungen deutlich zwischen den Antidepressiva. Einige Wirkstoffe waren bei einem grossen Anteil der Patientinnen und Patienten mit klinisch relevanter Gewichtszunahme assoziiert (z. B. Maprotilin, Amitriptylin, Mirtazapin, Mianserin), während andere zu einer moderaten Gewichtsabnahme führten (z. B. Agomelatin, Fluoxetin, Bupropion, Sertralin, Venlafaxin, Duloxetin). Der Unterschied zwischen den extremsten Wirkstoffen – insbesondere zwischen Agomelatin und Maprotilin – näherte sich innerhalb von acht Wochen vier Kilogramm an.


Zweitens zeigten sich markante Unterschiede in kardiovaskulären Parametern. Bestimmte Antidepressiva erhöhten die Ruheherzfrequenz deutlich (insbesondere Nortriptylin, Clomipramin, Imipramin, Amitriptylin, Doxepin, Levomilnacipran), während andere diese senkten (Fluvoxamin, Moclobemid). Auch systolische und diastolische Blutdruckreaktionen variierten erheblich. Klinisch relevante Anstiege wurden vor allem bei Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (Duloxetin, Desvenlafaxin, Venlafaxin, Levomilnacipran) sowie bei trizyklischen Antidepressiva (Amitriptylin, Imipramin, Maprotilin) beobachtet – Veränderungen, die für das langfristige Schlaganfall- und Herz-Kreislauf-Risiko relevant sind.


Drittens zeigten metabolische Marker nicht immer eine Parallelität zur Gewichtsveränderung. Einige Antidepressiva führten zwar zu einer Gewichtsabnahme, gingen jedoch gleichzeitig mit einem Anstieg von Cholesterin oder Glukose einher (Paroxetin, Duloxetin, Desvenlafaxin, Venlafaxin). Dies verdeutlicht, dass metabolisches Risiko nicht allein anhand des Körpergewichts beurteilt werden kann.


Viertens kam es bei mehreren Antidepressiva zu Anstiegen von Leberenzymen. Erhöhungen von Transaminasen und alkalischer Phosphatase wurden insbesondere bei (Duloxetin, Desvenlafaxin, Levomilnacipran, Venlafaxin, Paroxetin, Bupropion) beobachtet. Obwohl diese Veränderungen meist gering und kurzfristig nicht klinisch bedrohlich waren, weisen sie auf substanzspezifische hepatische Effekte hin, die bei Langzeittherapie oder bei Risikopatientinnen und -patienten relevant werden könnten.


Schliesslich fand die Studie keine ausgeprägten kurzfristigen Effekte auf QT-Intervall, Elektrolyte oder Nierenfunktion für die meisten Antidepressiva (einschliesslich SSRI wie Citalopram, Escitalopram, Sertralin, Fluoxetin sowie SNRIs und atypische Substanzen) in den untersuchten, überwiegend gesunden und mittelalten Studienpopulationen.

Limitationen der Studie

Trotz ihres Umfangs und ihrer methodischen Stärke weist die Studie relevante Einschränkungen auf.

Die meisten eingeschlossenen Studien waren kurz und dauerten typischerweise etwa acht Wochen. Damit lassen sich frühe physiologische Veränderungen erfassen, jedoch keine Aussagen darüber treffen, ob diese Effekte langfristig anhalten, zunehmen oder sich normalisieren.

Zudem waren die Teilnehmenden im Durchschnitt jünger und gesünder als viele Patientinnen und Patienten im klinischen Alltag. Ältere Menschen, Personen mit Multimorbidität sowie Patientinnen und Patienten unter Polypharmazie waren unterrepräsentiert. Entsprechend könnten reale Risiken (insbesondere für Arrhythmien oder Elektrolytstörungen) höher sein als hier beobachtet.

Schliesslich wurden Mittelwertveränderungen analysiert und nicht seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen. Dies ist für populationsbasierte Risikoabschätzungen sinnvoll, ersetzt jedoch keine Pharmakovigilanz oder Registerdaten.

Relevanz für die Schweiz

Die Ergebnisse sind für das Schweizer Gesundheitssystem von hoher Bedeutung.

Die Schweiz weist sowohl hohe Antidepressiva-Verschreibungsraten als auch eine alternde Bevölkerung mit zunehmender kardiometabolischer Krankheitslast auf. Selbst geringe medikamenteninduzierte Anstiege von Gewicht, Blutdruck oder Herzfrequenz können langfristig zu höheren Kosten durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Multimorbidität führen.

Für Krankenversicherer verdeutlichen die Daten, dass die Wahl eines Antidepressivums über den reinen Medikamentenpreis hinaus relevant ist. Nachgelagerte Effekte auf Krankheitsrisiken, Monitoringbedarf und Langzeitkosten müssen berücksichtigt werden. Für Hausärztinnen, Hausärzte sowie Psychiaterinnen und Psychiater spricht die Studie für eine differenziertere Verschreibung, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit bestehendem metabolischem oder kardiovaskulärem Risiko.

Auf Systemebene unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit, psychische und körperliche Gesundheit stärker integriert zu betrachten, ein Bereich, in dem die Schweiz traditionell gut aufgestellt ist, dessen Leitlinien jedoch nicht immer mit der aktuellen Evidenz Schritt halten.


Potenzielle Auswirkungen einer erfolgreichen Therapie

Die Studie stellt die Wirksamkeit von Antidepressiva nicht infrage. Im Gegenteil: Eine effektive Behandlung von Depression ist mit einem reduzierten Suizidrisiko und einer geringeren Gesamtmortalität assoziiert.

Das eigentliche Potenzial liegt in der passenden Auswahl des Antidepressivums für die jeweilige Patientin oder den jeweiligen Patienten. Wenn kardiometabolische Risikoprofile systematisch neben psychiatrischen Symptomen berücksichtigt werden, lässt sich die antidepressiv wirksame Therapie möglicherweise mit weniger vermeidbaren körperlichen Schäden kombinieren. Langfristig könnte dies die kardiovaskuläre Krankheitslast senken und die Gesamtgesundheit von Menschen mit Depression verbessern.


Risiken

Das zentrale Risiko, das durch die Studie aufgezeigt wird, ist die therapeutische Trägheit. Also die Tendenz, Antidepressiva als weitgehend austauschbar zu betrachten und Verordnungen ohne regelmässige Reevaluation physiologischer Effekte fortzuführen.

Werden Antidepressiva verschrieben, ohne metabolische oder kardiovaskuläre Konsequenzen mitzudenken, können sich Risiken schleichend akkumulieren. Gewichtszunahme, Blutdruckanstieg oder subtile metabolische Veränderungen bleiben häufig unbemerkt, bis sie in manifeste Erkrankungen münden.

Ein weiteres Risiko ist eine Überreaktion. Die Ergebnisse sollten nicht zu abruptem Absetzen wirksamer Therapien führen, sondern zu informierter, individualisierter Entscheidungsfindung.

Gesamtbewertung

Diese Lancet-Meta-Analyse liefert überzeugende Evidenz dafür, dass sich Antidepressiva in ihren kardiometabolischen und physiologischen Effekten deutlich unterscheiden. Diese Unterschiede sind klinisch relevant, treten früh auf und sind unabhängig von der antidepressiven Wirksamkeit.

Die Studie stärkt das Argument für eine personalisierte Verschreibungspraxis und stellt Leitlinien infrage, die sich nahezu ausschliesslich auf psychiatrische Endpunkte konzentrieren. Für Ärztinnen und Ärzte, Versicherer und Gesundheitssysteme lautet die Botschaft nicht, Antidepressiva zu vermeiden, sondern sie gezielter und informierter einzusetzen.

Ausblick

Zukünftige Forschung sollte sich auf Langzeiteffekte, ältere und komplexere Patientengruppen sowie reale Verschreibungsmuster konzentrieren. Meta-Analysen auf Individualdatenebene und Registerstudien werden entscheidend sein, um die Lücke zwischen Studienpopulationen und klinischem Alltag zu schliessen.

Parallel dazu könnten Leitlinien und digitale Entscheidungsunterstützungssysteme physiologische Risikoprofile integrieren und so eine gemeinsame Entscheidungsfindung ermöglichen, die sowohl psychische als auch körperliche Gesundheit berücksichtigt.

Referenz

The effects of antidepressants on cardiometabolic and other physiological parameters: a systematic review and network meta-analysis Link

Pillinger, Toby et al.

The Lancet, Volume 406, Issue 10515, 2063 - 2077

 
 
 

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