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Autoimmunerkrankungen mit CAR-T-Zellen zurücksetzen

  • Autorenbild: Leon Wirz
    Leon Wirz
  • 19. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Nature Medicine, September 2025 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) & Deutsches Zentrum für Immuntherapie

Einleitung

Autoimmunerkrankungen entstehen, wenn das Immunsystem den eigenen Körper angreift, anstatt ihn zu schützen. Krankheiten wie Lupus, systemische Sklerose oder entzündliche Muskelerkrankungen können viele Organe betreffen und schreiten oft über Jahre langsam, aber stetig fort. Betroffene leiden häufig unter Schmerzen, Erschöpfung, Organschäden und einem Verlust an Selbstständigkeit.

Bis heute können die meisten Autoimmunerkrankungen nicht geheilt werden. Die Behandlung besteht meist aus einer lebenslangen Einnahme von Medikamenten, die das Immunsystem bremsen. Diese Medikamente können Symptome lindern, schwächen aber auch die normale Immunabwehr und verursachen nicht selten Nebenwirkungen. Bei manchen Patientinnen und Patienten wirken selbst die stärksten verfügbaren Therapien nicht ausreichend.

In der Krebsmedizin hat sich in den letzten Jahren ein neuer Ansatz etabliert, der das Denken über Immuntherapien grundlegend verändert hat: die sogenannte CAR-T-Zell-Therapie. Forschende untersuchen nun, ob diese Technologie auch bei Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden kann, und nicht nur zur Unterdrückung der Krankheit, sondern um ein fehlgesteuertes Immunsystem grundlegend zu „reparieren“.

Eine klinische Studie mit dem Namen CASTLE liefert nun erste überzeugende Hinweise darauf, dass dies möglich sein könnte.

Die zentrale Entdeckung

In der CASTLE-Studie wurden Patientinnen und Patienten mit einer einmaligen Infusion sogenannter CAR-T-Zellen behandelt. Dabei handelt es sich um körpereigene Immunzellen, die im Labor so verändert wurden, dass sie gezielt B-Zellen erkennen und entfernen. Diese B-Zellen spielen bei vielen Autoimmunerkrankungen eine zentrale Rolle.

Nach der Behandlung verbesserten sich die Beschwerden bei den meisten Betroffenen rasch. Besonders bemerkenswert war, dass viele ihre immunsuppressiven Medikamente vollständig absetzen konnten und dennoch über Monate stabil blieben. Das ist bei schweren Autoimmunerkrankungen äußerst ungewöhnlich.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Therapie das Immunsystem nicht nur vorübergehend beruhigt hat, sondern seine Funktionsweise auf einer tieferen Ebene verändert haben könnte.

Wie die Studie durchgeführt wurde

Bei der CASTLE-Studie handelte es sich um eine frühe klinische Studie mit zwei Hauptzielen: Erstens sollte geprüft werden, ob die Behandlung sicher ist. Zweitens wollte man herausfinden, ob sie Anzeichen von Wirksamkeit zeigt.

Insgesamt nahmen 24 Personen mit sehr schweren Krankheitsverläufen teil. Zehn litten an Lupus, neun an systemischer Sklerose und fünf an entzündlichen Muskelerkrankungen. Alle hatten zuvor mehrere Therapien ohne ausreichenden Erfolg erhalten.

Zunächst wurden den Patientinnen und Patienten T-Zellen aus dem Blut entnommen. Diese Zellen wurden im Labor so verändert, dass sie gezielt B-Zellen erkennen und zerstören können. Nach einer kurzen Chemotherapie zur Vorbereitung des Körpers erhielten die Betroffenen eine einmalige Infusion dieser veränderten Zellen.

Anschließend wurden sie über mehrere Monate engmaschig überwacht, um Nebenwirkungen und Krankheitsverlauf zu beurteilen.

Zentrale Ergebnisse

Die meisten Patientinnen und Patienten zeigten nach der Behandlung eine deutliche Besserung. Bei Lupus wurden anerkannte Remissionskriterien erreicht, und krankheitsverursachende Antikörper verschwanden aus dem Blut. Bei systemischer Sklerose verschlechterte sich die Lungenfunktion nicht weiter, und die Hautverhärtung nahm ab. Menschen mit entzündlichen Muskelerkrankungen gewannen an Muskelkraft und wiesen weniger Entzündungszeichen auf.

Auf Ebene des Immunsystems wurden nahezu alle B-Zellen aus dem Blut entfernt. Mit der Zeit bildeten sich neue B-Zellen, doch diese waren überwiegend „naiv“, also noch nicht auf Autoimmunreaktionen geprägt. Das spricht dafür, dass sich das Immunsystem in einer gesünderen Form neu aufgebaut hat.

Besonders wichtig: Die meisten Betroffenen konnten Kortison und andere immunsuppressive Medikamente vollständig absetzen.

Einschränkungen der Studie

Die Studie war klein und enthielt keine Vergleichsgruppe. Das ist für frühe klinische Studien üblich, bedeutet aber, dass die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden müssen. Die formale Nachbeobachtungszeit betrug sechs Monate, wobei längere Beobachtungen noch laufen.

Zudem wurden ausschließlich Personen mit sehr schweren, therapieresistenten Krankheitsverläufen eingeschlossen. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf mildere Krankheitsformen übertragen.

Bedeutung für die Schweiz (inklusive Kostenperspektive)

Autoimmunerkrankungen verursachen in der Schweiz hohe langfristige Gesundheitskosten, da sie über viele Jahre behandelt werden müssen. Bei schweren Verläufen fallen häufig Kosten für Biologika, Spitalaufenthalte, Diagnostik und engmaschige Betreuung an. Diese belaufen sich oft auf 20’000 bis 60’000 CHF pro Jahr und Patientin bzw. Patient.

Über Jahrzehnte können sich so direkte Kosten von 500’000 CHF oder mehr ansammeln – indirekte Kosten wie Arbeitsausfälle oder Invaliditätsleistungen noch nicht eingerechnet.

CAR-T-Therapien unterscheiden sich grundlegend davon. Sie sind einmalig, aber sehr teuer. In der Schweiz wären Kosten von etwa 300’000 bis 500’000 CHF pro Behandlung realistisch. Auf den ersten Blick erscheint das kaum tragbar.

Wenn die Therapie jedoch (wie in dieser Studie) zu einer langfristigen, medikamentenfreien Remission führt, könnte sie über viele Jahre hinweg teure Dauertherapien ersetzen. Gerade bei jüngeren Patientinnen und Patienten mit schweren Krankheitsverläufen könnte sich eine solche Einmaltherapie langfristig sogar wirtschaftlich lohnen.

Die medizinische Infrastruktur für solche Behandlungen ist in der Schweiz bereits vorhanden. Die zentrale Frage wird sein, welche Patientengruppen davon profitieren sollen und wie der Erfolg fair und transparent bewertet wird.


Mögliche Auswirkungen einer erfolgreichen Therapie

Sollten sich die Ergebnisse in größeren Studien bestätigen, könnte sich das Therapieziel bei Autoimmunerkrankungen grundlegend ändern. Anstelle einer lebenslangen Symptombehandlung wäre eine dauerhafte Remission ohne Medikamente denkbar. Das würde Nebenwirkungen reduzieren, Organschäden vorbeugen und die Lebensqualität deutlich verbessern.


Risiken

CAR-T-Therapien sind sehr wirksam, aber auch anspruchsvoll. Sie schwächen das Immunsystem vorübergehend und erhöhen das Infektionsrisiko. Die Behandlung erfordert spezialisierte Zentren und sorgfältige Überwachung. Auch Kosten und Verfügbarkeit werden den Einsatz begrenzen.

Gesamtbewertung

Die CASTLE-Studie zeigt, dass es möglicherweise möglich ist, das Immunsystem bei schweren Autoimmunerkrankungen neu zu starten. Auch wenn weitere Forschung notwendig ist, markieren diese Ergebnisse einen wichtigen Schritt hin zu einem neuen Behandlungsansatz: weg von lebenslanger Unterdrückung, hin zu echter Immun-Reparatur.

Wie geht es weiter?

Nun sind größere Studien nötig, um Sicherheit und Langzeiteffekte zu bestätigen. Zudem muss geklärt werden, welche Patientinnen und Patienten am meisten profitieren. Parallel dazu müssen Gesundheitssysteme Wege finden, solche Therapien verantwortungsvoll zu integrieren.

Referenz

Müller, F., Hagen, M., Wirsching, A. et al. CD19 CAR-T cells for treatment-refractory autoimmune diseases: the phase 1/2 CASTLE basket trial. Nat Med (2026). Link

 
 
 

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