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Depression entschlüsselt: Forschende identifizieren die Gehirnzellen hinter der Stimmungs-Störung

  • Autorenbild: Leon Wirz
    Leon Wirz
  • 20. Okt. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Veröffentlicht in Nature Genetics, Oktober 2025

Broad Institute of MIT and Harvard, McLean Hospital, Stanley Center for Psychiatric Research

Einführung

Depression zählt zu den häufigsten und teuersten Erkrankungen weltweit. Über 300 Millionen Menschen sind betroffen – in der Schweiz nahezu jede fünfte erwachsene Person im Laufe des Lebens. Trotz jahrzehntelanger Forschung und milliardenschwerem Einsatz von Antidepressiva blieb die eigentliche Biologie der Krankheit unklar.

Ist es ein chemisches Ungleichgewicht? Eine Stressstörung? Oder etwas Tieferes – in der zellulären Architektur des Gehirns?

Eine neue Studie, veröffentlicht in Nature Genetics (Oktober 2025), liefert nun das bislang klarste Bild. Mithilfe modernster Einzelzell-Genomik konnten Forschende die spezifischen Zelltypen des Gehirns identifizieren (Neuronen und Mikroglia), die bei Menschen mit einer Major Depression funktionell verändert sind.

Die zentrale Entdeckung

Das Team fand heraus, dass Depression deutliche molekulare Spuren im Gehirn hinterlässt. Besonders betroffen sind:

  • Neuronen, die elektrische Signale übertragen, und

  • Mikroglia, die Immunzellen des Gehirns.

Während Neuronen Störungen in Genen zeigen, die für synaptische Plastizität, also Lern- und Anpassungsfähigkeit, wichtig sind, weisen Mikroglia Veränderungen in Entzündungs- und Stressantwort-Genen auf.

Damit rückt ein neues Krankheitsbild ins Zentrum: Depression ist nicht nur ein chemisches, sondern auch ein epigenetisches und immunologisches Phänomen.

Wie die Studie durchgeführt wurde

Forschende des Broad Institute, des McLean Hospital und des Stanley Center for Psychiatric Research untersuchten postmortales Gehirngewebe von Hunderten Personen mit und ohne Depression.

Sie nutzten Einzelkern-Chromatin-Zugänglichkeits-Profilierung (eine Sequenzierungsmethode, die zeigt, welche DNA-Abschnitte in einer Zelle offen oder kompakt verpackt sind). So lässt sich erkennen, welche Gene aktiv sind.

Durch den Vergleich von Millionen Zellen verschiedener Hirnregionen entstand eine hochauflösende „Karte“ epigenetischer Zustände. Diese wurde mit bekannten genetischen Risikovarianten aus grossen Genom-Weit-Assoziationsstudien (GWAS) verknüpft.

Zentrale Ergebnisse

  1. Zelltypspezifische Verwundbarkeit: Depressions-assoziierte Varianten waren vor allem in Neuronen und Mikroglia aktiv, nicht in anderen Zelltypen wie Astrozyten oder Oligodendrozyten.

  2. Verminderte neuronale Plastizität: Gene, die an Signalübertragung und Synapsenbildung beteiligt sind, waren weniger zugänglich. Die Lern- und Anpassungsfähigkeit des Gehirns sinkt.

  3. Aktivierte Immunantwort: Mikroglia zeigten erhöhte Aktivität in Entzündungs- und Stressgenen. Ein klarer Hinweis auf neuroinflammatorische Prozesse.

  4. Ein vereintes Krankheitsmodell: Die Studie verknüpft die chemische und die entzündliche Theorie der Depression zu einem einheitlichen Bild: eine multizelluläre Systemstörung des Gehirns.

Einschränkungen der Studie

  • Postmortales Material: Veränderungen nach dem Tod könnten aktive Krankheitsprozesse nur teilweise widerspiegeln.

  • Ursache oder Folge: Unklar bleibt, ob die epigenetischen Veränderungen Auslöser oder Konsequenz der Depression sind.

  • Begrenzte Diversität: Die Proben stammen überwiegend von Personen europäischer Abstammung.

  • Klinische Umsetzung: Der Weg von der Zellkarte zur Therapie ist noch lang.

Bedeutung für die Schweiz

In der Schweiz verursachen psychische Erkrankungen jährlich über 11 Milliarden CHF an direkten und indirekten Kosten – von Arztbesuchen bis zu Arbeitsausfällen.

Heute basiert die Behandlung meist auf Versuch und Irrtum: Patient:innen probieren mehrere Medikamente oder Therapien, bis etwas wirkt. Ein zell- und genombasiertes Diagnostiksystem könnte diesen Prozess deutlich verkürzen.

Zentren wie die ETH Zürich, die Universität Zürich und das PSI Villigen gehören weltweit zur Spitze der Einzelzell- und Neuro-Omics-Forschung. Sie könnten entscheidend dazu beitragen, Präzisionspsychiatrie in der Schweiz Realität werden zu lassen.


Potenzielle Auswirkungen einer erfolgreichen Therapie

  • Für Patient:innen: Schnellere, individuell abgestimmte Behandlungen mit höherer Erfolgsrate.

  • Für Pharmaunternehmen: Entwicklung neuer Medikamente, die gezielt auf Mikroglia-Aktivierung oder epigenetische Schalter wirken – ein Milliardenmarkt.

  • Für Krankenkassen: Kürzere Behandlungszeiten bedeuten tiefere Kosten pro Patient:in.

  • Für Arbeitgeber: Weniger Burnout-bedingte Ausfälle und höhere Produktivität.


Risiken

  • Über-Medikalisierung: Biologische Marker könnten soziale oder situative Ursachen psychischer Belastung verdrängen.

  • Datenschutz: Epigenetische und genetische Daten gehören zu den sensibelsten Gesundheitsinformationen – Schweizer DSG und EU-GDPR erfordern höchste Sicherheitsstandards.

  • Kosten- und Ungleichheitsrisiken: Präzisionsmedizin könnte teure Spezialtherapien begünstigen, die nicht für alle zugänglich sind.

Gesamtbewertung

Diese Studie markiert einen Wendepunkt in der Depressionsforschung. Erstmals werden genetische Risikovarianten bestimmten Zelltypen und epigenetischen Zuständen im Gehirn zugeordnet.

Sie stützt die These, dass Depression sowohl eine Störung neuronaler Netzwerke als auch eine Fehlsteuerung immun-epigenetischer Prozesse ist. Doch die Umsetzung in die klinische Praxis erfordert internationale Zusammenarbeit, grosse Datensätze und strenge ethische Leitplanken.

Ausblick

  1. Langzeitstudien mit lebenden Patient:innen, um epigenetische Veränderungen während der Therapie zu verfolgen.

  2. Neue Wirkstoffe, die gezielt Mikroglia oder Chromatin-Regulatoren modulieren.

  3. Europäische Konsortien, eventuell mit Schweizer Beteiligung über das SPHN (Swiss Personalized Health Network).

  4. KI-gestützte Diagnostik, die molekulare Daten nutzt, um Therapieempfehlungen individuell zu steuern.

Quelle

  • Chawla, A., Cakmakci, D., Fiori, L.M. et al. Single-nucleus chromatin accessibility profiling identifies cell types and functional variants contributing to major depression. Nat Genet 57, 1890–1904 (2025). Link

 
 
 

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