Ein Algen-Gel, das Wunden heilt, ohne zu kleben: Japans stiller Durchbruch in der regenerativen Medizin
- Leon Wirz

- 27. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Veröffentlicht im International Journal of Biological Macromolecules, 2024 (Teshima et al., Tokyo University of Science)

Einleitung
Jedes Jahr leiden Millionen von Menschen an chronischen oder schlecht heilenden Wunden – von diabetischen Geschwüren bis hin zu Operations- oder Brandwunden.Hydrogel-Verbände sind heute Standard in der modernen Wundbehandlung, doch sie haben ein zentrales Problem:Sie kleben oft zu stark, schwellen auf und können beim Entfernen das neu gebildete Gewebe wieder verletzen.
Ein Forschungsteam der Tokyo University of Science hat nun ein neues Wundgel entwickelt, das genau diesen Nachteil umgeht. Das auf Algen und kohlensäurehaltigem Wasser basierende Gel soll Wunden schneller heilen – mit weniger Schmerzen, weniger Schwellung und weniger Gewebeschäden.
Die Kernentdeckung
Die Forschenden konnten zeigen, dass ein niedrig haftendes, wenig quellendes Gel ebenso effektiv heilt wie die bisher gebräuchlichen „klebrigen“ Varianten – und in mancher Hinsicht sogar besser abschneidet.
Das neue Hydrogel besteht aus:
Natriumalginat – einem natürlichen Polysaccharid, das aus Braunalgen gewonnen wird,
Calciumcarbonat (CaCO₃) als mildem Vernetzer, und
Kohlensäurehaltigem Wasser, das CO₂ freisetzt und eine feine, poröse Gelstruktur bildet.
Das Ergebnis ist ein Gel, das sich schnell bildet, die Wunde schützt, aber nicht an ihr festklebt und so eine sanfte Heilung ermöglicht.
Wie die Studie durchgeführt wurde
Die Forschenden verglichen ihr Gel mit einem klinisch zugelassenen Produkt („Viewgel“) in einem Mausmodell.Untersucht wurden:
die Gelbildungszeit,
der Quellungsgrad,
die Haftung auf der Wundoberfläche, und
der Verlauf der Wundheilung im Gewebe.
Beide Gele unterstützten eine normale Heilung, doch das neue Alginat-Carbonat-Gel führte zu weniger vorübergehender Wunddehnung, also einer geringeren Ausweitung der Wundfläche, und verursachte keine Reizungen oder Narbenbildung.
Zentrale Ergebnisse
Das Gel bildete sich innerhalb von Sekunden aus rein biokompatiblen Stoffen.
Es zeigte deutlich geringere Schwellung als herkömmliche Hydrogele.
Haftung und Gewebetrauma beim Entfernen wurden minimiert.
Die Heilung verlief gleich gut wie bei etablierten Produkten.
Das Herstellungsverfahren ist einfach, kostengünstig und reproduzierbar.
Das Material könnte somit eine neue Generation schonender Wundauflagen begründen, besonders bei empfindlicher oder chronisch verletzter Haut.
Einschränkungen der Studie
Die Experimente wurden bislang nur an Tieren durchgeführt.
Langzeitdaten zur Abbaubarkeit und klinischen Sicherheit fehlen noch.
Die Wirksamkeit bei komplizierten Wunden (z. B. infizierten oder diabetischen) ist noch unklar.
Relevanz für die Schweiz
Die Schweiz verfügt über einen starken Wundpflege- und Medtech-Sektor. Unternehmen investieren bereits in biokompatible und nachhaltige Materialien. Ein Gel, das ohne synthetische Chemikalien auskommt und gleichzeitig das Trauma bei Verbandwechseln reduziert, könnte hier auf großes Interesse stoßen.
Angesichts einer alternden Bevölkerung und zunehmender chronischer Wunden (z. B. bei Diabetespatienten) sind Innovationen, die Heilungszeiten verkürzen und Pflegeaufwand reduzieren, von hoher gesundheitsökonomischer Bedeutung.
Potenzielle Auswirkungen einer erfolgreichen Therapie
Schnellere Heilung bedeutet kürzere Klinikaufenthalte und weniger Pflegebedarf.
Weniger Infektionen senken Komplikations- und Folgekosten.
Nachhaltige Materialien passen in die ESG-Strategien von Schweizer Spitälern und Versicherern.
Weniger Schmerzen beim Verbandwechsel erhöhen die Lebensqualität der Betroffenen.
Für Krankenkassen und Spitäler könnte dies zu niedrigeren Behandlungskosten und effizienteren Rückvergütungsmodellen führen, ein zentraler Punkt in einem auf Outcome basierenden Gesundheitssystem.
Risiken und offene Fragen
Lässt sich die Herstellung im großen Maßstab mit gleichbleibender Qualität umsetzen?
Funktioniert das Gel auch bei menschlichen Wunden mit Blutung oder Infektion?
Wie wird das Produkt regulatorisch eingestuft? Als Medizinprodukt oder Kombinationstherapie?
Klinische Studien am Menschen werden entscheidend sein, um diese Fragen zu klären.
Gesamtbewertung
Die Arbeit von Teshima et al. zeigt eindrücklich, wie einfache, naturbasierte Materialien alte medizinische Paradigmen infrage stellen können.Lange galt: „Je stärker der Verband haftet, desto besser heilt die Wunde“. Diese Studie legt das Gegenteil nahe, manchmal ist Sanftheit die bessere Medizin.
Wie es weitergeht
Das Team plant nun, das Gel für klinische Anwendungen beim Menschen zu optimieren, etwa bei Brandwunden, Operationswunden und diabetischen Ulzera. Sollte sich die Wirksamkeit bestätigen, könnte das Konzept japanischer Biomaterialforschung in Kombination mit europäischer Medtech-Präzision eine neue Generation von Wundauflagen hervorbringen.
Referenz
Teshima R, Osawa S, Yoshikawa M, Kawano Y, Otsuka H, Hanawa T. Low-adhesion and low-swelling hydrogel based on alginate and carbonated water to prevent temporary dilation of wound sites. Int J Biol Macromol. 2024 Jan;254(Pt 3):127928. doi: 10.1016/j.ijbiomac.2023.127928. Epub 2023 Nov 8. PMID: 37944721. Link




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