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Mikrobiom-abgeleitete Metabolite fördern die Darmregeneration nach Stammzelltransplantation

  • Autorenbild: Leon Wirz
    Leon Wirz
  • 5. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Nature Communications (Oktober 2025) | Leibniz-Institut für Immuntherapie (LIT), Universitätsklinikum Regensburg & Technische Universität München

Einleitung

Die allogene hämatopoetische Stammzelltransplantation (allo-HSCT) ist für viele Blutkrebserkrankungen eine lebensrettende Therapie. Gleichzeitig stellt sie eine enorme Belastung für den Körper dar. Besonders empfindlich reagiert der Darm: Chemotherapie, Bestrahlung, Antibiotika und Immunreaktionen schädigen die Darmschleimhaut und begünstigen Infektionen sowie die gefürchtete Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD).

In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass der Zustand des Darmmikrobioms stark mit dem Behandlungserfolg nach einer Transplantation zusammenhängt. Unklar war jedoch lange, was genau diesen Effekt vermittelt. Diese Studie geht einen Schritt weiter und untersucht gezielt mikrobiell produzierte Stoffwechselprodukte als aktive Treiber der Regeneration.


Die zentrale Entdeckung

Die Forschenden identifizieren das mikrobiom-abgeleitete Molekül Desaminotyrosin (DAT) als wichtigen Faktor für die Regeneration der Darmschleimhaut nach Stammzelltransplantation.

DAT unterstützt gezielt intestinale Stammzellen, also jene Zellen, die für den Wiederaufbau der Darmwand verantwortlich sind. Gleichzeitig wirken körpereigene Kontrollmechanismen als Sicherheitsnetz, sodass das Wachstum reguliert bleibt und nicht entgleist.

Vereinfacht gesagt: DAT hilft dem Darm beim Heilen, aber nur dann, wenn die zellulären Schutzmechanismen funktionieren.


Wie die Studie durchgeführt wurde

Die Studie kombiniert Tiermodelle mit modernen humanen Gewebemodellen.

Mäuse, die eine Stammzelltransplantation erhielten, wurden oral mit DAT behandelt. Anschließend wurde untersucht, wie gut sich der Darm erholte, unter anderem anhand von Stammzellmarkern, Gewebeschnitten und sogenannten Organoid-Regenerationstests.

Zur Übertragung auf den Menschen nutzte das Team humane Darmorganoide, darunter auch Organoide von Patientinnen und Patienten nach allo-HSCT. Diese Mini-Darmmodelle erlauben es, Effekte direkt am menschlichen Gewebe zu untersuchen.

Zusätzlich wurden Immunzellen analysiert, um zu verstehen, wie DAT Entzündungsreaktionen und T-Zell-Aktivität beeinflusst. Molekulare Analysen zeigten, welche Signalwege dabei eine Rolle spielen.


Zentrale Ergebnisse

DAT verbesserte die Regeneration des Darms nach transplantationsähnlichen Schäden sowohl in Mäusen als auch in menschlichen Organoiden. Die Aktivität und Anzahl regenerationsfähiger Darmstammzellen nahm deutlich zu.

Dieser Effekt hing von einem fein abgestimmten Gleichgewicht ab: Wachstumsfördernde Signale (mTORC1) wurden durch zelluläre Stress- und Kontrollsysteme (STING-vermittelte Autophagie) ausgeglichen. War dieses Gleichgewicht gestört, verlor DAT seine positive Wirkung.

Im Gegensatz zu anderen mikrobiellen Metaboliten zeigte DAT zudem eine aktivierende Wirkung auf Immunzellen, insbesondere bei höheren Dosen. Das deutet darauf hin, dass Regeneration und Immunfunktion parallel beeinflusst werden.


Limitationen der Studie

Die Ergebnisse basieren überwiegend auf präklinischen Modellen. Obwohl menschliche Organoide sehr aussagekräftig sind, ersetzen sie keine klinischen Studien.

Die eingesetzten DAT-Dosen waren im Tiermodell relativ hoch. Welche Dosierung beim Menschen sicher und wirksam ist, muss erst noch geklärt werden. Langzeiteffekte, etwa auf das Immunsystem oder das Rückfallrisiko der Grunderkrankung, wurden nicht untersucht.

Zudem unterscheiden sich Transplantationspatienten stark hinsichtlich Mikrobiom, Antibiotikaeinsatz und Immunstatus. Es ist wahrscheinlich, dass nicht alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen profitieren würden.


Relevanz für die Schweiz

Für die Schweiz sind diese Ergebnisse besonders interessant.

Das Land verfügt über hochspezialisierte Transplantationszentren in Zürich, Basel, Bern und Lausanne. Allo-HSCT wird hier auf höchstem Niveau durchgeführt, ist jedoch extrem kostenintensiv. Darmkomplikationen und GvHD gehören zu den teuersten und belastendsten Folgeproblemen (medizinisch wie ökonomisch).

Eine definierte Metabolit-Therapie wie DAT könnte eine kontrollierbare Alternative zu komplexeren Ansätzen wie der fäkalen Mikrobiota-Transplantation darstellen. Regulatorisch passt dies gut zum Schweizer System, da klar charakterisierte Substanzen für Swissmedic leichter zu bewerten sind als lebende Mikrobiom-Mischungen.

Für Krankenversicherer könnten selbst moderate Verbesserungen zu kürzeren Spitalaufenthalten, weniger Intensivpflege und geringeren Folgekosten führen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet dies potenziell eine schnellere Erholung und bessere Lebensqualität.

Nicht zuletzt bietet die starke Schweizer Biotech- und Forschungslandschaft ideale Voraussetzungen für frühe klinische Studien.


Potenzielle Auswirkungen einer erfolgreichen Therapie

Sollte sich DAT beim Menschen als sicher und wirksam erweisen, könnte es als unterstützende Therapie eingesetzt werden, um den Darm nach Stammzelltransplantationen zu schützen.

Dies könnte Infektionsrisiken senken, die Verträglichkeit intensiver Therapien verbessern und möglicherweise die transplantationsbedingte Sterblichkeit reduzieren. Langfristig könnten ähnliche Mechanismen auch bei anderen Darmschädigungen relevant sein, etwa nach Chemotherapie oder bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.


Risiken

DAT wirkt nicht ausschließlich entzündungshemmend. In höheren Dosen kann es Immunzellen aktivieren, was im ungünstigen Fall eine GvHD verschärfen könnte.

Zudem besteht theoretisch das Risiko, dass dauerhaft aktivierte Wachstumswege unerwünschte Effekte haben. Eine präzise Dosierung, der richtige Zeitpunkt und eine sorgfältige Patientenselektion sind daher entscheidend.


Gesamtbewertung

Diese Studie zeigt überzeugend, dass konkrete mikrobiom-abgeleitete Moleküle aktiv zur Regeneration des Darms beitragen können, und nicht nur das Mikrobiom als Ganzes.

DAT ist besonders interessant, weil es regenerative Effekte mit eingebauten biologischen Kontrollmechanismen verbindet. Die Arbeit bringt das Feld einen wichtigen Schritt näher an präzise, mechanismusbasierte Mikrobiom-Therapien.


Was als Nächstes kommt

Der nächste logische Schritt sind frühe klinische Studien, um Sicherheit und Dosierung beim Menschen zu prüfen. Parallel sollten Biomarker entwickelt werden, um jene Patientinnen und Patienten zu identifizieren, die am meisten profitieren.

Langfristig unterstützt diese Forschung den Übergang von unspezifischen Mikrobiom-Interventionen hin zu gezielt entwickelten, medikamentenähnlichen Metabolit-Therapien.


Referenz

Göttert, S., Thiele Orberg, E., Fan, K. et al. The microbial metabolite desaminotyrosine protects against graft-versus-host disease via mTORC1 and STING-dependent intestinal regeneration. Nat Commun 16, 9282 (2025). Link

 
 
 

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