Ultra-verarbeitete Lebensmittel und die menschliche Gesundheit
- Leon Wirz

- 29. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
The Lancet (Dezember 2025) | Universität São Paulo, Harvard T.H. Chan School of Public Health, University of Sydney & internationale Kooperationspartner

Einleitung
Über Jahrzehnte hinweg konzentrierte sich die Ernährungswissenschaft vor allem auf einzelne Nährstoffe: Kalorien, Zucker, Fett und Vitamine. In den letzten Jahren ist jedoch eine andere Frage zunehmend in den Fokus gerückt: wie Lebensmittel verarbeitet werden, bevor sie auf unserem Teller landen.
Eine umfassende wissenschaftliche Analyse, veröffentlicht im The Lancet im Dezember 2025, untersucht die gesundheitlichen Auswirkungen ultra-verarbeiteter Lebensmittel. Geleitet wurde die Arbeit von Forschenden der Universität São Paulo, mit Beiträgen unter anderem von der Harvard T.H. Chan School of Public Health, der University of Sydney sowie mehreren europäischen Forschungszentren.
Die zentrale Schlussfolgerung ist eindeutig: Ernährungsweisen, die stark auf ultra-verarbeiteten Lebensmitteln basieren, verdrängen zunehmend traditionelle Kostformen und sind eng mit einer Vielzahl chronischer Erkrankungen verbunden.
Die zentrale Erkenntnis
Die Autorinnen und Autoren prüfen drei eng miteinander verknüpfte Hypothesen.
Erstens zeigen sie, dass ultra-verarbeitete Lebensmittel weltweit traditionelle Ernährungsweisen auf Basis von frischen und minimal verarbeiteten Lebensmitteln verdrängen.
Zweitens führt dieser Wandel zu einer breiten Verschlechterung der Ernährungsqualität. Ultra-verarbeitete Ernährungsweisen enthalten typischerweise mehr freien Zucker, ungünstige Fette und eine höhere Energiedichte, während sie gleichzeitig ärmer an Ballaststoffen, Mikronährstoffen und gesundheitsfördernden Pflanzenstoffen sind.
Drittens ist eine hohe Exposition gegenüber ultra-verarbeiteten Lebensmitteln mit einem erhöhten Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen verbunden. In über 100 Langzeitstudien zeigte sich ein konsistenter Zusammenhang mit Adipositas, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronischer Nierenerkrankung, Depressionen sowie erhöhter Gesamtsterblichkeit.
In ihrer Gesamtheit stützt die Evidenz die Schlussfolgerung, dass ultra-verarbeitete Lebensmittel nicht lediglich „ungesunde Einzelentscheidungen“ darstellen, sondern Teil eines Ernährungsmusters sind, das systematisch das Krankheitsrisiko erhöht.
Wie die Studie durchgeführt wurde
Die Arbeit kombiniert mehrere unabhängige Evidenzquellen.
Analysiert wurden nationale Ernährungs- und Einkaufsdaten über mehrere Jahrzehnte, globale Verkaufsdaten aus 93 Ländern sowie eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analysen von 104 prospektiven Kohortenstudien. Die Teilnehmenden dieser Studien wurden teilweise über bis zu 46 Jahre hinweg beobachtet.
Ergänzt wurde diese Evidenz durch kurzfristige randomisierte kontrollierte Ernährungsstudien sowie mechanistische Untersuchungen, um biologische Plausibilität zu prüfen.
Lebensmittel wurden mithilfe des NOVA-Klassifikationssystems eingeordnet, das Nahrungsmittel nach Ausmaß und Zweck der industriellen Verarbeitung klassifiziert, unabhängig vom reinen Nährstoffgehalt. Die Exposition wurde als Anteil ultra-verarbeiteter Lebensmittel an der gesamten Ernährung gemessen.
Zentrale Ergebnisse
Mehrere Ergebnisse sind besonders robust.
Eine hohe Aufnahme ultra-verarbeiteter Lebensmittel geht mit einer schlechteren Nährstoffzusammensetzung und einem geringeren Konsum von Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten einher. Gleichzeitig ist sie mit einer höheren Gesamtenergieaufnahme verbunden.
Randomisierte Ernährungsstudien zeigen, dass Menschen bei ultra-verarbeiteten Ernährungsweisen deutlich mehr Kalorien konsumieren – selbst dann, wenn Zucker-, Fett-, Salz- und Ballaststoffgehalt vergleichbar sind. Dies führt innerhalb kurzer Zeit zu messbarer Gewichtszunahme und Fettmassezunahme.
Langfristige Beobachtungsstudien verknüpfen einen hohen Konsum ultra-verarbeiteter Lebensmittel mit einem erhöhten Risiko für kardiometabolische Erkrankungen, gastrointestinale und renale Erkrankungen, psychische Störungen sowie vorzeitige Mortalität. Diese Zusammenhänge bleiben auch nach Anpassung für klassische Ernährungsqualitätsparameter bestehen.
Limitationen der Studie
Wie bei der meisten groß angelegten Ernährungsforschung müssen wichtige Einschränkungen berücksichtigt werden.
Ein Großteil der Evidenz basiert auf Beobachtungsstudien. Das bedeutet, dass Kausalität nicht mit derselben Sicherheit nachgewiesen werden kann wie in langfristigen randomisierten Studien. Personen mit hohem Konsum ultra-verarbeiteter Lebensmittel unterscheiden sich möglicherweise auch in anderen Faktoren wie körperlicher Aktivität, sozioökonomischem Status oder allgemeinen Lebensgewohnheiten, die statistisch nie vollständig kontrolliert werden können.
Hinzu kommen Herausforderungen bei der Lebensmittelklassifikation. Das NOVA-System stützt sich auf Zutatenlisten und Beschreibungen der Verarbeitung, die in Ernährungsbefragungen nicht immer ausreichend detailliert vorliegen. Einige Produkte liegen nahe an Klassifikationsgrenzen, wodurch Fehlzuordnungen möglich sind (insbesondere bei Mischprodukten oder reformulierten Lebensmitteln).
Diese Einschränkungen werden jedoch durch die Breite und Konsistenz der Evidenz teilweise aufgefangen. Die beobachteten Zusammenhänge zeigen sich über Länder, Altersgruppen und Studiendesigns hinweg und bleiben auch nach Anpassung für zentrale Nährstoffe und allgemeine Ernährungsqualität bestehen. Besonders wichtig ist, dass kontrollierte Ernährungsstudien zeigen, dass ultra-verarbeitete Kost zu höherer Kalorienaufnahme und Gewichtszunahme führt, selbst bei vergleichbarer Nährstoffzusammensetzung (was die biologische Plausibilität stärkt).
Langfristige randomisierte Studien zu kompletten Ernährungsmustern sind aus ethischen, finanziellen und praktischen Gründen kaum realisierbar. In diesem Kontext stützen sich Entscheidungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit häufig auf konvergierende Evidenz aus mehreren Quellen, statt auf ein einzelnes „perfektes“ Experiment.
Relevanz für die Schweiz
Die Schweiz schneidet in vielen Gesundheitsindikatoren gut ab, dennoch sind die beschriebenen Entwicklungen klar relevant.
Ultra-verarbeitete Lebensmittel machen bereits heute einen bedeutenden Anteil der Schweizer Ernährung aus, insbesondere bei jüngeren Erwachsenen und berufstätigen Haushalten. Diese Entwicklung ist weniger auf fehlendes Wissen zurückzuführen als auf Zeitdruck, Bequemlichkeit und moderne Arbeits- und Lebensstrukturen.
Für das Gesundheitssystem ist dies besonders relevant, da ein Großteil der Gesundheitskosten in der Schweiz durch chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenerkrankungen und Depressionen verursacht wird. Die Beweise aus The Lancet zeigen, dass ultra-verarbeitete Ernährungsmuster genau das Risiko für diese Erkrankungen erhöhen.
Selbst kleine langfristige Risikoerhöhungen können in einem Hochkostensystem wie dem schweizerischen zu erheblichen finanziellen Belastungen führen. Da ernährungsbedingte Risiken schleichend wirken, werden die Konsequenzen oft erst sichtbar, wenn Prävention bereits schwierig ist.
Potenzielle Auswirkungen einer erfolgreichen Ernährungswende
Eine geringere Abhängigkeit von ultra-verarbeiteten Lebensmitteln könnte langfristig die Häufigkeit chronischer Erkrankungen senken, das Wachstum der Gesundheitsausgaben bremsen und die Lebensqualität im Alter verbessern.
Für Krankenversicherer und das öffentliche Gesundheitssystem könnten selbst moderate Verbesserungen der Ernährungsqualität auf Bevölkerungsebene relevante langfristige Effekte haben.
Risiken
Ein zentrales Risiko ist Verzögerung. Das Abwarten vollständiger mechanistischer Klarheit kann dazu führen, dass vermeidbare Krankheitslasten weiter anwachsen.
Gleichzeitig besteht die Gefahr der Übervereinfachung. Ultra-verarbeitete Lebensmittel sind heterogen, und nicht jedes traditionell hergestellte Lebensmittel ist automatisch gesund. Empfehlungen und Maßnahmen müssen daher differenziert und evidenzbasiert bleiben.
Gesamtbewertung
Diese Lancet-Arbeit stellt eine der umfassendsten Bewertungen zu ultra-verarbeiteten Lebensmitteln dar, die bislang veröffentlicht wurden. Ihre Schlussfolgerungen werden durch mehrere unabhängige Evidenzlinien gestützt.
Die Ergebnisse legen nahe, ultra-verarbeitete Lebensmittel nicht nur als nährstofflich ungünstige Produkte zu betrachten, sondern als einen zentralen Treiber moderner chronischer Erkrankungsmuster.
Wie geht es weiter?
Zukünftige Forschung wird Mechanismen weiter klären und besonders problematische Produktkategorien identifizieren. Die Autorinnen und Autoren betonen jedoch, dass die bestehende Evidenz bereits stark genug ist, um Handlungsbedarf zu begründen.
Für Länder wie die Schweiz lautet die zentrale Frage daher nicht mehr, ob ultra-verarbeitete Lebensmittel relevant sind, sondern wie ihre Auswirkungen frühzeitig begrenzt werden können, bevor sich langfristige gesundheitliche und ökonomische Folgen verfestigen.
Referenz
Ultra-processed foods and human health: the main thesis and the evidence Link
Monteiro, Carlos A et al.
The Lancet, Volume 406, Issue 10520, 2667 - 2684




Kommentare