Lithium-Orotat und Alzheimer: Ein neuer Hoffnungsschimmer?
- Leon Wirz

- 15. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Veröffentlicht in Nature am 6. August 2025

Einleitung
Die Alzheimer-Krankheit (AD) gehört zu den verheerendsten neurodegenerativen Erkrankungen weltweit. Über 55 Millionen Menschen sind betroffen – Tendenz steigend, da die Bevölkerung immer älter wird. Seit Jahrzehnten konzentriert sich die Forschung vor allem darauf, die typischen Eiweissablagerungen im Gehirn – Amyloid-β-Plaquesund Tau-Fibrillen – zu entfernen. Einige Antikörpertherapien sind inzwischen zugelassen, doch ihr Nutzen in Bezug auf den kognitiven Abbau ist begrenzt, und Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder Blutungen schränken den Einsatz ein.
Eine neue Studie der Harvard Medical School, veröffentlicht in Nature, bringt nun einen unerwarteten Ansatz ins Spiel: Alzheimer könnte teilweise durch einen Lithium-Mangel im Gehirn verursacht werden – und die gezielte Gabe von Lithium in einer speziellen Form könnte nicht nur den Krankheitsverlauf verlangsamen, sondern in Tiermodellen sogar umkehren.
Die zentrale Entdeckung
Das Forschungsteam um Bruce Yankner fand heraus, dass Amyloid-Plaques Lithium-Ionen binden und damit deren Verfügbarkeit für Nervenzellen, Mikroglia (Immunzellen des Gehirns) und Oligodendrozyten (Myelin-bildende Zellen) massiv einschränken.
Lithium ist in der Medizin vor allem als Lithiumcarbonat bekannt, das seit über 50 Jahren in der Psychiatrie – etwa bei bipolaren Störungen – eingesetzt wird. Allerdings durchdringt diese Form die Blut-Hirn-Schranke bei Alzheimerpatient:innen nicht ausreichend, da ein grosser Teil des Lithiums in den Plaques „gefangen“ bleibt. Höhere Dosen würden zwar helfen, sind aber langfristig toxisch für Nieren und Schilddrüse.
Die Forschenden setzten daher auf Lithium-Orotat – eine chemische Form, die nicht in den Plaques hängen bleibt und das Lithium in niedrigen, gut verträglichen Dosen direkt zu den betroffenen Hirnzellen transportiert.
So lief die Studie ab
Untersucht wurden Mausmodelle im fortgeschrittenen Alzheimer-Stadium, die bereits ausgeprägte Amyloid-Plaques und deutliche Gedächtnisstörungen zeigten.
Das Vorgehen:
Gabe von Lithium-Orotat in sehr niedriger Dosierung (weit unterhalb psychiatrischer Therapiedosen).
Messung der Lithium-Konzentration im Gehirn mittels moderner Bildgebungsverfahren.
Verhaltens- und Gedächtnistests (z. B. Labyrinth- und Objekt-Erkennungstests).
Gewebeuntersuchungen auf Plaque-Last, Tau-Ablagerungen und Zellgesundheit.
Zentrale Ergebnisse
Gedächtnis wiederhergestellt – Die behandelten Mäuse schnitten in Gedächtnistests ähnlich gut ab wie gesunde Kontrolltiere.
Plaque- und Tau-Reduktion – Sowohl Amyloid- als auch Tau-Belastung waren deutlich vermindert.
Zellfunktionen normalisiert – Nervenzellen zeigten verbesserte Signalübertragung, Mikroglia wechselten in einen entzündungshemmenden Modus, und Oligodendrozyten nahmen die Myelinproduktion wieder auf.
Keine Toxizität nachweisbar – Bei den niedrigen Dosen traten weder Nieren-, Leber- noch Schilddrüsenschäden auf.
Einschränkungen der Studie
So vielversprechend die Ergebnisse sind, gilt es, die Grenzen dieser Arbeit klar zu benennen:
Nur Tiermodelle – Die Studie wurde ausschliesslich an Mäusen durchgeführt. Auch wenn Alzheimer-Mausmodelle wichtige Einblicke geben, bilden sie die Komplexität der menschlichen Erkrankung nicht vollständig ab. Viele Substanzen, die in Mäusen wirken, sind in klinischen Studien am Menschen gescheitert.
Krankheitsstadium – Unklar ist, ob Lithium-Orotat nur im frühen oder auch im späten Stadium beim Menschen wirksam wäre. Mäuse-Modelle lassen sich nur bedingt auf die jahrzehntelange Krankheitsprogression beim Menschen übertragen.
Langzeitsicherheit – Lithium ist in der Psychiatrie ein „altes“ Medikament, dessen Nebenwirkungen (z. B. Nierenschäden, Schilddrüsenstörungen, Gewichtszunahme) bekannt sind. Zwar wurde Lithium-Orotat in der Studie in sehr niedriger Dosierung verabreicht, doch fehlen Langzeitdaten beim Menschen. Gerade ältere Patient:innen mit Komorbiditäten (z. B. Diabetes, Hypertonie, Herzinsuffizienz) stellen eine vulnerable Gruppe dar.
Dosisfindung und Pharmakokinetik – Die optimale Dosis beim Menschen ist noch nicht definiert. Auch die Frage, wie Lithium-Orotat im Stoffwechsel verteilt wird, ob es z. B. in den Knochen gespeichert wird oder bei Niereninsuffizienz kumuliert, ist bislang offen.
Keine Vergleichsdaten zu bestehenden Therapien – Es ist nicht untersucht, ob Lithium-Orotat synergistisch oder konkurrierend zu Antikörpertherapien (z. B. Lecanemab, Donanemab) wirkt.
Fazit: Die Studie liefert wichtige Grundlagenforschung, aber bis zur möglichen klinischen Anwendung ist ein langer Weg mit Phase-1- bis Phase-3-Studien notwendig.
Bedeutung für die Schweiz
Die Schweiz steht vor einer massiven Herausforderung im Bereich Alzheimer und Demenz:
Prävalenz: Heute leben in der Schweiz rund 155’000 Menschen mit Demenz (Alzheimer Schweiz, 2024). Bis 2050 wird diese Zahl auf über 300’000 geschätzt.
Kosten: Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten (Pflege, Spital, Angehörigenarbeit, Medikamente) belaufen sich aktuell auf ca. 11–12 Milliarden CHF pro Jahr – mit weiter steigender Tendenz. Etwa zwei Drittel davon entfallen auf Pflege- und Betreuungskosten.
Krankenkassen & Pflegeversicherung: Bei einem durchschnittlichen Pflegeheimplatz von 6’500–9’000 CHF pro Monat (je nach Kanton) entstehen pro Patient:in über die Krankheitsdauer (durchschnittlich 8–10 Jahre) Gesamtkosten von >100’000–150’000 CHF – ein erheblicher Teil davon wird von Versicherungen und Sozialleistungen getragen.
Potenzielle Auswirkungen einer erfolgreichen Therapie
Entlastung des Pflegesystems: Schon eine moderate Verlangsamung des Krankheitsverlaufs um 2–3 Jahre könnte Tausende Pflegeheimplätze einsparen und die jährlichen Kosten um mehrere Milliarden reduzieren.
Prävention statt Spättherapie: Lithium-Orotat wäre im Gegensatz zu teuren Antikörpern (Kosten pro Jahr: >CHF 25’000–30’000 pro Patient:in) deutlich günstiger und leichter breit einzusetzen.
Standort Schweiz: Als Biotech- und Pharma-Hub könnte die Schweiz früh in klinische Studien investieren und Know-how für die europäische Zulassung (EMA) aufbauen. Unternehmen wie Roche oder Novartis, die bereits im Alzheimer-Bereich aktiv sind, hätten grosses Interesse an einem solchen Ansatz.
Versicherungsmathematik: Für Krankenkassen wäre ein wirksames, günstiges Medikament ein Game Changer: weniger Langzeitpflegefälle, mehr planbare Medikamentenkosten.
Risiken
Sollte sich Lithium-Orotat im Menschen nicht bewähren, drohen Fehlinvestitionen.
Bei zu vorschneller Zulassung könnten unerwartete Nebenwirkungen (z. B. bei multimorbiden Patient:innen) hohe Folgekosten verursachen.
Gesamtbewertung:Für die Schweiz liegt hier eine grosse Chance – sowohl medizinisch als auch ökonomisch. Gleichzeitig ist es entscheidend, die klinische Evidenz sorgfältig abzuwarten und frühzeitig in Pilotprojekte zu investieren, um Patient:innen und das Gesundheitssystem im Erfolgsfall optimal vorzubereiten.
Wie es weitergeht
Der nächste logische Schritt sind Phase-1-Studien am Menschen, um Sicherheit und Dosierung bei älteren Erwachsenen zu prüfen. Darauf müssten grössere, randomisierte Studien folgen, die Gedächtnisleistung und Lebensqualität messen.
Noch ist es zu früh, von einem „Durchbruch“ zu sprechen – aber die Ergebnisse zeigen, dass manchmal die Wiederherstellung eines winzigen, aber entscheidenden Elements einen grossen Unterschied machen kann.
Reference:
Yankner, B. et al. Amyloid plaques sequester lithium and disrupt brain cell function in Alzheimer’s disease; lithium orotate restores cognition in mouse models. Nature (2025). Link
Expatica News. Swiss Alzheimer cases will more than double by 2050. (2024). Link
Demenz Forschung Schweiz. Facts & figures on dementia in Switzerland. (2024). Link
Swiss Medical Weekly. Cost of dementia in Switzerland. (2010; updated figures cited widely). Link




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